Sozialprojekt
Erfahrungsbericht von Dr. Rainer Roos
Ladakh ist die nördlichste Provinz Indiens und gehört zum Verwaltungsgebiet Jammu-Kashmir. Das indische Gesundheitssystem ist nicht in der Lage eine Minimalversorgung für die Bevölkerung sicherzustellen. Im Sommer 2000 flogen Ulrike Hiller, Elke Brödnow und ich nach Ladakh, um die dortige Zahnstation bei der Behandlung der einheimischen Bevölkerung zu unterstützen.
Unsere Arbeit in der Zahnstation im Mahabodhi-Zentrum
Die Zahnstation liegt im Hospital des Mahabodhi-Zentrums in Choklamsar bei Leh. Das Mahabodhi-Projekt ist eine Hilfsorganisation, die sich vor 50 Jahren in den Slums von Bangalor in Südindien gründete und heute mit mehreren Zentren in ganz Indien vertreten ist. Sie wird von einem buddhistischen Mönch geleitet. Die Zentren bestehen aus einer Schule, einem Internat, einem Altenheim, einem Meditationszentrum, einem Verwaltungszentrum - oft ist auch ein Kloster angeschlossen. Die Mahabodhi-Zentren finanzieren sich nur aus Spenden und mit der Arbeitskraft ausländischer ehrenamtlicher Helfer aus aller Welt, die ihre Freizeit oder ihr Leben in den Dienst am Menschen stellen. Kollege Veigel hatte 1999 im Hospital ein komplettes zahnärztliches Arbeitszimmer eingerichtet. Ein weiteres Zimmer und eine mobile Behandlungseinheit kamen inzwischen dazu.
Die Ziele des Projekts
- Die Einführung elementarer Hygienemaßnahmen.
- Die Versorgung der Schüler und des Personals.
- Die Versorgung der einheimischen Bevölkerung.
- Die Ausbildung von Barfußärzten Schamanen aus den Nomadengebieten) in elementarer Zahnheilkunde.
Ein Mammut-Programm war zu bewältigen
Die hoch gesteckten Ziele konnten nicht ganz erreicht werden. Die Hygienemaßnahmen wurden dadurch sabotiert, dass große Mengen unserer Flächen- und Instrumenten-Desinfektionsmittel den Nachforschungen und Bereicherungsabsichten der indischen Zöllner zum Opfer fielen. Uns standen während der 4 Wochen nur 6 Paar Handschuhe zur Verfügung, Instrumentendesinfektion war nur unter dem fließenden Wasser möglich. Zum Glück konnten wir einen indischen Dampfsterilisator organisieren, der das Gefühl von Sauberkeit vermittelte. Durch einen heftigen Regen verzögerte sich der Schulbeginn um 2 Wochen. So blieben uns nur 10 Arbeitstage für die zahnmedizinische Versorgung der 400 Schüler. Die Versorgung der einheimischen Bevölkerung beschränkte sich im Wesentlichen auf Zahnentfernungen. Am Ende des Einsatzes hatten wir Hunderte von Zähnen entfernt und viele Menschen von Schmerzen befreit. Die Ausbildung der Amchis (Barfußärzte) war der wichtigste Erfolg unserer Tätigkeit. Sie erlernten innerhalb von 14 Tagen das Zähneziehen unter lokaler Anästhesie und die Beherrschung von zahnärztlichen Notfällen. Da die meisten Amchis über viele Generationen Erfahrung mit Heilkunde hatten, lernten Sie schnell und leicht. Ausgestattet mit einem riesigen Rucksack voller zahnärztlicher Utensilien verließen sie uns nach ihrer Ausbildung. Wir sind sicher, dass sie bis heute schon vielen Menschen in den Nomadengebieten helfen konnten.
Ausblick: Wie geht es mit der zahnmedizinischen Hilfe für Ladakh weiter?
- Die Einführung von Zahn-Hygienemaßnahmen in den Schulbetrieb.
- Die Versorgung der Schüler des Mahabodhi-Zentrums.
- Die Vertiefung der Ausbildung der Amchis.
Unsere Praxis wird in den nächsten Jahren wieder Zeit, Geld und Arbeitskraft für das Projekt in Ladakh investieren. Wer Interesse hat, kann durch die Übernahme einer Schülerpatenschaft helfen, die Situation der Menschen in Ladakh zu verbessern. Die Ausbildung und das Essen eines Schülers kosten im Jahr lediglich 300 US-$. Weitere Infos dazu erhalten Sie in unserer Praxis.
Stand des Projektes 2006
In diesem Jahr besuchten wir zum siebten Male hintereinander während des Sommerurlaubs das Mahabodhi-Zentrum. In diesen Jahren veränderte sich nicht nur Gewaltiges im Projekt in Ladakh, sondern es hatte sich auch in mir ein stark verändertes Weltbild entwickelt.
In unserem ersten Jahr befanden sich auf dem Campus von einem Quadratkilometer Fläche nur wenige Gebäude. Ein Gästehaus, ein Hospital im Rohbau, ein Verwaltungsgebäude und eine Schule. Damals gab es noch kein Wasser und kaum Strom, die Gebäude waren nur über felsige Pfade zu erreichen. Es gab keinen Baum, dass Wasser musste mühsam mit Lastkraftwagen herangeschafft werden.
Heute hat sich die Situation grundlegend verbessert dank des unermüdlichen Einsatzes des Gründers und Leiters des Mahabodhi-Zentrums Venerable Sanghasena. Er ist der Motor und der Visionär, seine Träume von einem besseren Ladakh sidn heute schon Wirklichkeit geworden.
Brunnen wurden gegraben, Straßen angelegt und geteert, Tausende vom Bäumen und Millionen von Blumen begrünen und verschönern den Campus.
Die Klinik ist gewachsen und beherbergt heute eine frauenärztliche, eine internistische, eine chirurgische und eine naturheilkundliche Abteilung, eine Heizung wurde eingerichtet und eine unabhängige Stomversorgung.
Es entstanden ein Alten- und Behinderten-Wohnheim, wo sich die Menschen gegenseitig versorgen. Das nahe gelegene Blindenheim wurde im August vom Indischen Präsidenten Abdul Khalam persönlich eingeweiht und ist eine der ersten Blindenschulen in Indien.
Ein Kloster für Nonnen und eines für Mönche wurde gegründet, wo die zukünftigen Führungskräfte des Mahabodhi nicht nur schulisch, sondern auch in vielen religiösen, sozialen und organisatorischen Aufgaben unterrichtet werden.
Anfänglich glaubte ich daran, dass es nur einiger Mühe bedarf, um einen medizinischen Standard westlicher Prägung zu erreichen. Mit ausreichend Einsatz und Geld könne sich einiges bewegen lassen. Doch das stellte sich früh als eine der vielen Illusionen heraus. Es fehlte weder an gutem Willen von allen Seiten, noch an ausbildungswilligen Menschen, noch an der Bereitschaft etwas zu verändern.
Es gab einfach keine Vorstellung darüber, wie eine Klinik in westlichem Maßstab funktioniert. Und ich erkannte, dass der Bedarf der Menschen an ein gesundheitssystem völlig anders geartet ist als bei uns. Dient die gesundheitsversorgung in Deutschland zunehmend dazu, Mängel und Gebrechen zu beseitigen, für Perfektion im Aussehen zu sorgen und die menschen möglichst lange leistungsfähig zu erhalten, wird in Ladakh der Arzt nur dann gesucht, wenn sehr schmerzhafte oder lebensbedrohliche Situationen auftreten. Dabei haben die Menschen in Ladakh ein sehr entspanntes Verhältnis zu Leben oder Tod. In ihrer buddhistischen Religion ist dieses Leben nur eines von sehr vielen, die sie zu bestehen haben. Daher gibt es sehr wenig unzufriedene Gesichter und einsame Menschen. Die Ruhe der Ladakhis ist nahezu unerschütterlich. Viele Projekte konnten in den letzten Jahren umgesetzt werden. So die Erweiterung der Zweigschule in Timosgang, der Bau eine Schlafsaales für Mönche (beides zusammen mit dem Rotary-Club Esslingen-Filder). Die zahnstation ist inzwischen ganzjährig betreut und mit einer Zentralheizung ausgestattet. Die Schulen beherbergen über 700 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-16 Jahren. Inzwischen haben die ersten Jahrgänge ihren Abschluss gemacht. Die talentiertesten Schüler können nun in Delhi oder Bangalore ihre Hochschulreife und einen Studienplatz erlangen.
Dies alles wäre nicht möglich ohne die langjahrige Unterstützung vieler Sponsoren aus dem Ausland, die die finanziellen Mittel über Spenden oder Patenschaften für den laufenden Betrieb zur Verfügung stellen. Auch eine ungezählte Menge freiwilliger Helfer vor Ort oder in Deutschland waren am Erfolg der letzten Jahre beteiligt.
Mein herzlicher Dank geht an alle meine Patienten und Freunde, die mit ihrer Altgoldspende oder mit aufmunternden Worten das Projekt unterstützt haben. Un alle alle diejenigen, die eine Patenschaft übernommen und ihrem Kind eine hervorragende Zukunft ermöglicht haben.
Besonders danken will ich all jenen Mitarbeiterinnen, die mich nach Ladakh begleitet haben und ihren Sommerurlaub in den Dienst aktiver Hilfe gestellt haben.
Allen Organisationen, die Verwaltungsarbeiten übernommen haben und dafür gesorgt haben, dass die Spenden zuverlässig ihr Ziel erreicht haben (Hilfswerk Deutscher Zahnärzte e.V., Kinder des Himalaya e.V., Rotary-Club Esslingen-Filder, Rotary-Club Voghera/Italien) sei mein herzlicher Dank.
Vor allen anderen geht mein tiefster Dank an meine Frau Ulrike, die mich in allen schwierigen Lebenslagen unterstützt, mich in Ladakh begleitet hat und die alle Strapazen über Jahre ohne Klage ertragen hat.
Neuhausen, 09.09.2006 Dr. Rainer Roos
Bericht über eine Ladakh-Reise im Februar 2008
Am 30. Januar 2008 starteten meine Frau Ulrike und ich zu einer kurzen Informationsreise nach Ladakh. Unser Ziel war, den Fortschritt der Hilfsprojekte zu begutachten, die wir gemeinsam mit dem Rotary-Club Esslingen- Filder, den Rotary-Club Voghera/Italien und dem Verein „Kinder des Himalaya” initiiert hatten. Wir wählten bewusst den Winter als Reisezeit, weil wir uns bislang kein Bild machen konnten über die Lebensumstände der ladakhischen Bevölkerung.
Ein wenig gemischt waren die Gefühle schon, denn wir wussten, dass wir mit Temperaturen von minus 10 Grad tagsüber und minus 25 Grad nachts zu rechnen hatten. Auch wussten wir, dass die meisten Häuser kaum beheizbar sind und über schlechte Isolierungen verfügen. Also deckten wir uns mit warmer Wäsche und Schlafsäcken ein und hofften, dass wir das Klima würden aushalten können.
Der Hinflug verzögerte sich ein wenig, da es in Ladakh kurz zuvor stark geschneit hatte und die Landebahn von Leh erst von Soldaten von Hand freigeschaufelt werden musste.
So kamen wir müde doch bester Laune in Leh auf 3500 m an und fühlten uns bei strahlendem Sonnenschein trotz eisiger Kälte sehr wohl. Die kleinen Mönche des Mahabodhi Meditation Centre bereiteten uns einen warmen Empfang und präsentierten uns voller Freude und Stolz ihr neues Domizil, dessen Bau von den drei Vereinigungen finanziell unterstützt worden war.
Die erste Nacht war unsere größte Sorge, doch sorgte eine Kerosinofen im Zimmer für ein wenig Behaglichkeit und hielt die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.
Am nächsten Tag starteten wir zu einer Wanderung von Phyang nach Timosgang, dem eigentlichen Ziel unserer Reise wo wir den Küchenneubau in Augenschein nehmen wollten. Ohne Höhenanpassung und im tiefen Schnee gestaltete sich der 70 km lange Marsch sehr mühsam. Dank der hervorragenden Betreuung unserer ladakhischen Betreuuer konnten wir die Strecke in 4 Tagen bewältigen. Nachts schliefen wir in Privatunterkünften, wobei sich die Temperaturen innerhalb und außerhalb des Hauses nur wenig unterschieden. Die Gastgeber verwöhnten und vor dem Schlafengehen noch mit einigen Minuten Wärme aus einem Holzofen, doch sobald das Feuer abgebrannt war, blieb nur die Flucht in den Schlafsack. Dort ließ es sich gut aushalten, doch nächtliche Ausflüge auf die außerhalb des Hauses liegenden Natur-Toiletten waren sehr überwindungsbedürftig.
Das Wandern in absoluter Einsamkeit ohne den Lärm der Zivilisation ist eine elementare Erfahrung, die unvergesslich bleiben wird. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen, die das Essen und das sehr rare Brennholz mit einem teilen, gehören zu den schönsten menschlichen Erfahrungen meines Lebens. Bei dieser Wanderung haben mir die Menschen von Ladakh weit mehr zurückgegeben, als ich jemals für sie investiert habe.
Nach 4 Tagen erreichten wir unser Ziel in Timosgam, einem kleinen Städtchen in einem Seitental des Indus. Unsere Ankunft hatte sich schon herumgesprochen und bald schon wurden wir herzlich aufgenommen und mit Speis und Trank bestens versorgt. Trotz der Erschöpfung nach der langen Wanderung war es eine Freude, mit den Menschen in Timosgam zu sprechen. Besonders stolz waren sie auf den Neubau der Küche der Timosgam-Grundschule. Sie wird im Frühjahr ihrer Bestimmung übergeben und wird 180 Kindern täglich einen Mittagstisch bereiten.
Am letzten Tag wurden wir mit dem Auto abgeholt und durften zurück nach Leh fahren. Unser Weg führte entlang des teilweise zugefrorenen Indus-Flusses mit herrlichen Eindrücken von der Flusslandschaft.
Einen kleinen Überraschungsstop legten wir noch beim Klosterfestival in Likir ein. Dort herrschte andächtiges und auch buntes Treiben. Ähnlich wie bei unseren religiösen Festen trifft sich auch hier Jung und Alt, um Bekanntschaften aufzufrischen, neue zu finden oder sich nach dem Partner fürs Leben umzuschauen. Das ganze verläuft sehr diszipliniert und ruhig, die Fröhlichkeit der Menschen ist jedoch fast mit den Händen zu greifen.
Unser Heimweg führte uns über Delhi, wo wir uns mit Venerable Sanghasena, dem Gründer und Leiter des Mahabodhi International Meditation Centre trafen und uns über den Stand der Hilfsprojekte, besonders über die Situation in der Klinik austauschten. Es wurde dabei die Idee eines High-Altitude-Disease-Rescue-Centers geboren, was mit Hilfe von Europäischen Sponsoren eingerichtet werden soll. Zielgruppe sind die Touristen, die während der Sommermonate oft leichtsinnig die enormen Höhen Ladakhs besteigen und häufig an der gefürchteten Höhenkrankheit leiden, die bei einigen sogar zum Tode führen kann.
Im Frühjahr wird Ven. Sanghasena Europa besuchen und am 17.04.08 einen Vortrag beim Rotary-Club Esslingen-Filder halten. Anfang Mai ist er in Mailand. Gerne ist er bereit auch in Voghera das Mahabodhi-Projekt vorzustellen.
Neuhausen, 15.02.08   Dr. Rainer Roos, Ulrike Roos

